So lernen Dörpener Schüler den Holocaust ganz neu kennen

“Der letzte Jolly Boy” – so heißt der Film, in dem Regisseur Hans-Erich Viet den Holocaust-Überlebenden Leon Schwarzbaum auf zahlreichen Reisen begleitet. Die Schüler der Oberschule Dörpen hatten nun die Gelegenheit, den Regisseur zu den Hintergründen zu befragen.

Leon Schwarzbaum ist mittlerweile 99 Jahre alt. Als einziger seiner Familie überlebte er die Lager Auschwitz, Buchenwald und Sachsenhausen. Erst spät in seinem Leben findet er die Energie, über das Erlebte zu sprechen. In seinem Film begleitet ihn Viet unter anderem zum Gerichtsprozess gegen den SS-Mann Reinhold Hanning, bei dem Schwarzbaum als Nebenkläger und einer der Hauptzeugen auftritt, besucht seine polnische Heimat Bedzin und auch das ehemalige Vernichtungslager Auschwitz. Der Name des Films bezieht sich dabei auf den Namen der Band, in der Schwarzbaum als Jugendlicher spielte.

Vergangenheit und Gegenwart verknüpfen

Ungefähr 200 Neunt- und Zehntklässler der Oberschule Dörpen durften den Film nun zusammen mit dem Regisseur anschauen und danach mit ihm über die Hintergründe seines Werkes diskutieren. Dabei gehe es der Schule darum, einen Beitrag zur historischen Erziehung zu leisten, erklärte Geschichtslehrerin Heike Schonebeck. Mit derartigen Veranstaltungen könne man eine Verknüpfung von Vergangenheit und Gegenwart herstellen und die Schüler Geschichte in einer Art und Weise erfahren lassen, die einprägsamer sei als normaler Unterricht, so Schonebeck.

Authentische Auseinandersetzung

Viet selbst berichtete, er habe schon zahlreiche solche Veranstaltungen durchgeführt – dabei laufe es immer ähnlich ab: Zunächst seien die Schüler voller Erfurcht vor dem Thema Holocaust. “Aber dann zieht es sie rein und dann können sie auch reden”, sagte Viet. Dafür sei es jedoch wichtig, die ersten fünf bis zehn Minuten des Films so zu gestalten, dass Interesse geweckt werde, erklärte der Regisseur. Es gehe ihm darum, zu zeigen, dass man sich auch heute noch authentisch mit dem Thema auseinandersetzen könne.

“Bald vor dem letzten Richter”

Wie sehr der Film das Interesse der Oberschüler geweckt hatte, bewiesen diese durch zahlreiche Nachfragen. So erkundigten sie sich unter anderem nach dem heutigen Gesundheitszustand Schwarzbaums. Auch der Prozess gegen den SS-Mann Hanning hatte bei den Schülern Interesse geweckt. So wusste Viet zu berichten, dass Schwarzbaum gar keine langjährige Verurteilung des zu dem Zeitpunkt 95-jährigen Angeklagten gewollt habe, sondern ihn nur zu einer wahrheitsgemäßen Aussage habe bewegen wollen. “Wir sind beide 95 Jahre alt, stehen bald vor dem letzten Richter”, zitierte der Regisseur die Bitte Schwarzbaums.

Auf die Frage, warum es erst so spät zu einem Prozess gekommen sei, erhob Viet schwere Vorwürfe gegen die deutsche Justiz: “Da hat das deutsche Rechtssystem über Jahre versagt.” Auch nach dem Krieg habe es noch viele Nazis im System gegeben. “Die haben aufgepasst, dass den Kameraden nichts passiert”, sagte Viet.

(Aus der Ems-Zeitung vom 10.03.2020)

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